8 Tage Mosambik: eine 65 -Mio-Brücke statt 3.000 Brunnen, 4.000 Schulen und 26.000 Gesundheitszentren?

Subsistenzwirtschaft, Armut und hohe Wachstumsraten – eine entwicklungspolitische Reise der Abgeordneten durch Mosambik (20.10. bis 29.10. 2007)

Brunnen bei Marromeo  alte Schule bei Marromeo

Mit rhythmischen Bewegungen pumpt das vierjährige Mädchen  den Wasserkanister voll. Sie verteidigt den Brunnenschwengel gegen ihre KonkurrentInnen erfolgreich und drängt auch wieder an den Hebel. Sauberes Wasser bildet hier in der trockenen Savanne der Provinz Sofala/Mosambik die sicht-/spürbare Lebensgrundlage für alles: Gesundheit, Hygiene, Bewässerung, Gemüseanbau, Produktionsmittel in der nahen Zuckerfabrik von Marromeo, durch die bei 8.000 Beschäftigten 40.000 Personen ihr Auskommen finden. 3.000 Euro kostet ein Brunnen, viele davon sind noch notwendig. „Unser Hauptproblem ist der Mangel an sauberem Wasser“, stellt später in der Hauptstadt Maputo der emotional argumentierende und  würdevoll auftretende Gesundheitsminister fest. Er wollte Bill Gates davon überzeugen, seine Spenden dem gesamten Gesundheitsbereich zukommen zu lassen und nicht auf Malaria oder Aids zu konzentriieren. Doch Gates will rasche Erfolgsdaten, und die lassen sich mit Einzelprojekten punktuell rascher erzielen.

 Spiat in Catembre  an Malaria erkranktes Kind

Ihn rührt anscheinend nicht, dass Mosambik doppelt soviel Gesundheitsstationen und doppelt so viele ÄrztInnen braucht, damit den Hochschwangeren bis zu 20 km lange Fußmärsche zum Gesundheitszentrum erspart bleiben, er will auch im karitativen Bereich rasche Erfolgsbilanzen.
Damit ist das Spannungsfeld der Auslandshilfe für Mosambik, eines der ärmsten Länder der Welt mit 7%-igem BIP-Wachstum, das 1952 noch 98,8 Analphabeten hatte, skizziert: Einzelprojekthilfe nach Entscheidungskriterien der Geberländer oder generelle Budgethilfe für das Land, dessen Staatshaushalt zu 50% vom Ausland subventioniert wird, gekoppelt mit diversen Auflagen der Transparenz, Korruptionsbekämpfung, etc.?
Zurück zum Einzelprojekt: Neben dem Brunnen eröffnen wir 5 Abgeordnete zusammen mit Bürgermeister und Direktor eine zweiräumige Schule aus Ziegeln und mit Wellblechdach um 17.000 Euro.

Schleröffnung   Schuleröffnung bei Marromeo

Auch hier lässt man Korken knallen, ältere Frauen tanzen nach Trommeln und Trillerpfeifen. Über 400 SchülerInnen, vor allem Mädchen sollen hier in Klassen mit teilweise 90 Kindern, geschützt vom Regen, eine Grundausbildung erhalten. Nebenan sitzen fast 80 Kinder hinter niedrigen Lehmmauern unterm Strohdach auf handtellerschmalen niedrigen Bänken ohne Tische. Unweit von hier treffen wir auf eine Schule in Käfigform, ein Dach auf Pfosten mit gitterartigen Wänden aus Stäben – luftig aber ohne Schallschutz.

 Häuser und Schulen Käfigbauweise im Dorf   Maniok am Bauernmarkt

Der Lehrer lässt sie bis zehn zählen. Lehrermangel herrscht überall, schlechte Lehrerausbildung ebenfalls, Don Bosco bemüht sich in seinem Projekt um eine Verbesserung. In Beira zeigt uns ein unentgeltlich Arbeitender die Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung am Computer, auch taubstumme Fußballmannschaften spielen begeistert für uns, unterstützt von er Organisation„Licht für die Welt“.

bild032.jpg  Augenabteilung in Beira
Viele Kinder sind mangel- und fehlernährt, trotzdem zeigen sie uns freudig  ihre sauberen Hütten mit den Koffern für die Schulbücher. Alle 3 Jahre müssen die Hütten erneuert werden, der Regen laugt Lehm und Stroh aus. Dauerhaft hingegen wurde die neue Trockentoilette um 1.200 Euro errichtet – keine Fliegen, kein Gestank, weniger Bakterien. Ein großer Sprung für die Hygiene im Dorf.
Nach langer Fahrt auf staubigen Pisten erreichen wir die asphaltierte, breit ausgebaute einspurige Schnellstraße N 1, auf der wir später mit 120 km/h allein auf weiter Flur dahinrasen und in 2 Stunden 2 LKW und 3 Pkw, aber vielen Menschen zu Fuß oder auf Fahrrädern begegnen. Bei Caia erreicht die N 1 den Sambesi, eine Fähre steht bereit.

Brückenbau über den Sambesi  Bahnhof in Maputo (von Eiffel entworfen; drei Züge die Woche)

Die EU baut eine Brücke, um den fruchtbaren Norden von Mosambik mit dem trockenen Süden zu verbinden. 65 Mio Euro für eine Brücke, statt kostengünstige Fähren und mehr Brunnen, Toiletten und Schulen? Zukunftsinvestitionen haben verschiedene Gesichter, der einfachen Bevölkerung dient die Brücke sicher nur bedingt. In wie weit Investoren ihre Gewinne für Spitäler, Straßen und Brunnen verwenden, hängt von der Geschäfts/Konzernführung ab, die auf jeden Fall Nutznießerin der Brücke ist. Eine Entwicklungshelferin aus dem Süden des Landes hat den Eindruck, dass die gesamte Hilfe an den einfachen Leuten vorbeigeht und nur der Oberschicht zu Gute kommt.
Daran ändern auch die roten FRELIMO-Fahnen nicht, die über fast jedem Dorf wehen und deren marxistischer Grundanspruch längst pragmatischer Wachstumspolitik gewichen ist. Staatliche Stellen sind fest in FRELIMO-Hand und der Staat hat hier in allem Verwaltungs- Wirtschaftsbereichen das Sagen, klagen Oppositionsabgeordnete und Mitglieder der Zivilgesellschaft. Ein einziges freies Wochenblatt bringt kritische Berichte , Fernsehen und Radio sind in staatlichem Griff. Auch den Gerichten soll es an Unabhängigkeit fehlen. Doch die Korruption ist vergleichsweise niedrig, es gibt freie Wahlen und eine Opposition im Parlament. Das Lob der Demokratie ist doch nicht nur ein Lippenbekenntnis des Parlamentspräsidenten, den wir in der Maputo in einem massiv herabgekühltem Raum treffen.

Der Parlamentspräsident mit österr. Abgeordneten-Lap-Top  Im Palament

Er sitzt in der Winterjacke, wir frierend in der jahreszeitlich passenden Sommerkleidung: je höher der Rang, desto frostiger die Zimmertemperaturen. Das Wasser auf dem Tisch stammt aus S-Afrika, dem größten Investor in Mosambik.
Genauso wie der Umweltminister und der Weltbankvertreter betont Parlamentspräsident Mulembwe die Bedeutung der Landwirtschaft für die Versorgung der Bevölkerung.

Am Weg zur Hauptstadt züngelten Buschfeuer nachts gespenstisch neben der Fahrbahn, die Brandrodungen lassen die kargen Böden schnell erodieren, sind die Umweltgefahr Nummer 1 und bilden die Grundlage für den arbeitsaufwendigen Hackbau, bei dem der Energie-Input häufig größer ist als der Output an Mais oder Hirse. Deshalb werden zahlreiche Gemüseanbauprojekte mit Bodenbedeckung durch Leguminosen gefördert: wir sehen Felder mit Netzen zur Beschattung überspannt, das spart Wasser und ermöglich durch mehrere Ernten bei Investition von 1.200 Euro für 800m2 Netz aus Zimbawe ein Jahreseinkommen von 3000 Euro.

 Gemüseanbau durch Bürgerkriegsveteran  HIV-positive Gemüsebäurinnen

Einfache Saatgeräte aus S-Amerika ersetzen das Ackern und schonen die dünne Humusschicht. Leider wurden Teile der Wasserpumpe gestohlen.
Mit 50 l Öl, aus der Pugier-Nuß gewonnen, kann eine Familie ein ganzes Jahr lang kochen, erzählt uns der Landwirtschaftsexperte. Ein österreichischer Jungunternehmer baut auf 10.000 ha diese Energiepflanze aus den Kap Verden an, die keine Konkurrenz zum Nahrungsmittelproduktion bildet und Eröl/Treibstoff in allen Formen ersetzen kann. Kommt die pflanzliche Energiezukunft also aus Afrika? Der Österreicher ersucht um Ankauf einer Rodungs- und Sähmaschine (250.000 Euro), die Brandrodungen samt Hackbau ersetzt und für Bodenbedeckung sorgt. Wird er mit seinem Exportprodukt dann auch entsprechend Steuer leisten? Derzeit zahlt der Hauptexporteur des Landes (70% des Exportes), der Aluminiumkonzern Mozal, gerade 2% der Steuern.

   Vetran wird beraten   Sähgerät aus S-Amerika

Dies soll sich aber ändern, kündigen die Vorsitzende des Budgetausschusses an. Werden die 30% weiblichen Abgeordneten des Parlaments auch dafür sorgen, dass die männlich beherrschte Gesellschaft Mosambiks endlich den Frauen mehr Chancen einräumt, sie von der ausschließlich weiblichen Feldarbeit entlasten, mehr Schulbildung ermöglicht und die HIV/Aids-Rate, von der Frauen zur Hälfte mehr betroffen sind als Männer, von 17% sinkt?

Straßentheater als Aids-Aufklärung  Präsevativ-Präsentatiion
Ein begeistert vorgeführtes Straßentheater von freiwillig für das Rote Kreuz tätigen Jugendlichen zum Thema HIV-Prävention lässt ebenso hoffen wie die Erweiterung des Rot-Kreuz-Spitals in Catembre bei Maputo, die Augenabteilung im Krankenhaus von Beira, der Bauernmarkt für Regionalprodukte in Dondo, das Gemüse- und Hühnerprojekt von HIV-positiven Frauen, die Expansion der Zuckerrohrfabrik in Marromeo und die zahlreichen Urbanisations- und Partizipationsprojekte in der Provinz Sofala.
Wenn alle Zugang zu sauberem Wasser haben und die Begeisterung fürs Wasserpumpen bei den Vorschulkindern anhält, dann wird der Brunnenschwengel zum Symbol eines nachhaltigen Wachstums für Mosabik. Der Weg dahin ist ungewiss, aber gangbar, er führt nicht unbedingt über die 65-Mio-Sambesi Brücke.

Fischreicher Strand bei Maputo


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