Oberster Sanitätsrat empfiehlt

Gesichtspunkte zur aktuellen gesundheitlichen Bewertung des Mobilfunks

Empfehlung des Obersten Sanitätsrates

(Stand Dezember 2005)

Unter Berücksichtigung der aktuellen wissenschaftlichen Reviews, welche die derzeitigen Forschungsergebnisse zusammenfassen, ergibt sich folgende Bewertung aus gesundheitlicher Sicht bzw. können folgende Schlussfolgerungen und Empfehlungen getroffen werden:

1. Nach den aktuellen wissenschaftlichen Reviews zur Mobilfunktelefonie liegt innerhalb der aktuellen Grenzwerte derzeit kein gesicherter wissenschaftlicher Nachweis gesundheitlicher Schäden am Menschen vor. Allerdings lassen sich auch unterhalb der Grenzwerte biologische Effekte nachweisen, deren gesundheitliche Bewertung zum Teil noch aussteht. Innerhalb jeder der hauptsächlichen Forschungsbereiche (In-vitro-Studien; Tierversuche; Experimentelle Studien am Menschen; Epidemiologische Studien) gibt es dzt Einzelergebnisse, (etwa Teile der REFLEX-Studie, der TNO-Studie, bisher publizierte Teile der INTERPHONE-Studie), die noch nicht abschließend bezüglich ihrer gesundheitlichen Relevanz eingeordnet werden können, die noch kontrovers diskutiert werden, noch einer Replizierung bedürfen oder doch Hinweise auf mögliche Gesundheitsgefährdungen geben. Indirekte Effekte der Handy-Nutzung, wie erhöhte Unfallhäufigkeit beim Lenken von Fahrzeugen durch Beeinflussung der Konzentration, sind nachgewiesen; Beeinflussungen der Funktion elektronischer Implantate und sonstiger Medizinprodukte sind möglich und müssen durch geeignete Vorkehrungen ausgeschlossen werden.

Angesichts der zahlreichen dzt. noch bestehenden offenen Fragen und der laufenden Forschungsprojekte erscheint nach wie vor eine vernünftig-vorsorgliche Vorgangsweise angezeigt.

Die notwendigen Forschungsarbeiten zur Abklärung aller gesundheitlich relevanten Effekte des Mobilfunks sollten in konzertierter Form, möglichst in Form aufeinander abgestimmter Programme auf internationaler Ebene (WHO, EU, FDA, große nationale Programme etc) langfristig fortgeführt werden, auch um eventuelle Langzeiteffekte bzw. bislang kontroversielle Ergebnisse genauer beurteilen zu können.

Im Rahmen einer Risiko/Nutzen-Betrachtung sollten neben einer Betrachtung der möglichen Risiken auch die positiven Effekte des Mobilfunks, oft im Sinne einer Lebensrettung, beachtet werden.

2. Weil die Untersuchungen im Fluss sind, fordert der OSR in regelmäßigen Abständen einen zusammenfassenden Bericht über die neuesten Ergebnisse möglicher biologischer Wirkungen der Mobilfunktelefonie, um auf dieser Basis seine Bewertungen vornehmen und daraus Empfehlungen ableiten zu können. Es wird diesbezüglich angeregt, ein regelmäßiges Screening des Standes einschlägiger wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, laufender

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Forschungsprojekte, von Reviews, Empfehlungen oder Erkenntnissen einschlägiger Organisationen (WHO, EU, USA, Strahlenschutzgremien, Normungsorganisationen etc.) sowie über konkrete Expositionsverhältnisse vornehmen zu lassen, um eine gemeinsame valide aktuelle Wissensbasis zu schaffen. Dieses Screening sollte auch die zahlreichen neuen technischen Möglichkeiten va. im Hochfrequenzbereich (zB. kommendes terrestrisches Digitalfernsehen, DECT, WLAN, Bluetooth etc) einschließen. Diese Wissensbasis sollte, neben ihrer Funktion als wissenschaftliche Basis für die Schaffung und Vollziehung einschlägiger gesundheitsorientierter Vorschriften, in jeweils geeigneter (kommentierter, verständlicher) Form über das Internet auch der Öffentlichkeit und der Ärzteschaft zugänglich gemacht werden.

3. Beim Mobilfunk sind hinsichtlich der gesundheitlichen Bewertung sowohl die Basisstationen als auch die Endgeräte (Handys) hinsichtlich ihrer spezifischen Expositionsbedingungen nach Dauer, Zeitmuster, Flussdichte, Freiwilligkeit etc. zu bewerten. Hinsichtlich der Höhe der Exposition sind (bei üblichen Abständen) weniger die Sender, als vielmehr die Endgeräte zu beachten, weil die Leistungsdichte in der Regel (Abweichungen im konkreten Fall durch Reflexionen, Streuung, Hot spots möglich) mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt.

4. Die Industrie wird aufgefordert,

- die Endgeräte im Rahmen ihrer Funktionalität in der Leistungsabgabe zu begrenzen und dabei auch die entsprechende Information z.B. was die Leistungsdichten des Endgerätes betrifft (Angabe der SAR-Werte!) weiterzugeben,

- und beim Aufstellen von Sendemasten dafür Sorge zu tragen, dass niemand als passiver Konsument durch zu große Nähe zum Sender einer zu hohen Belastung durch elektromagnetische Felder ausgesetzt wird. Das bedingt, dass die Verortung von der zuständigen Behörde nach klaren Richtlinien genehmigt und geprüft werden muss.

5. Aus all diesen Gründen sind zwar die gegenwärtigen EU-Grenzwerte zu akzeptieren, es ist aber anzustreben, dass der Richtwert mindestens um den Faktor 100 unter dem Grenzwert angelegt wird und unter diesem Gesichtspunkt die Anlagen zu rechtfertigen und prüfen sind. Darüber hinaus sollen gesetzliche Maßnahmen gesetzt werden, dass

a) es bei verschiedenen Systemen (auch unter Berücksichtigung von Fernseh-, Rundfunksendern etc) über alle relevanten Frequenzen durch die Kumulierung der Felder (Leistungsdichten) unterschiedlicher Emittenten nicht zu einem Überschreiten der Grenzwerte kommt und

b) die Betreiber durch gesetzliche Bestimmungen auch unterhalb der Grenzwerte noch zu einer Minimierung der Belastung durch elektromagnetische Felder angehalten werden.

6. Im Hinblick auf die zahlreichen noch offenen Fragen sollte generell auf einen vernünftigen Umgang mit Handys geachtet werden, der auf einen sinnvollen Nutzen abzielt und unnötige Exposition, speziell Spitzenexpositionen vermeidet. Dies gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche, da diese über ihre Lebenszeit vorhersehbar länger exponiert sein werden und die Exposition durch die spezifische

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Anatomie und Entwicklungsphysiologie etwas höher als beim Erwachsenen sein kann. Die folgenden Empfehlungen sollten daher beachtet werden:

7. Empfehlungen:

Die Abklärung möglicher gesundheitlicher Effekte der elektromagnetischen Strahlung von Handys, insbesondere möglicher Langzeiteffekte, wird noch viele Jahre in Anspruch nehmen. Bei noch nicht abgeschlossener Bewertung der biologischen und gesundheitlichen Relevanz läßt es Vorsorgedenken ratsam erscheinen, dem etwa in der REFLEX-Studie in-vitro beobachteten möglichen Wirkbereich von Handy-Strahlung durch relativ einfache Vorsorgemaßnahmen auszuweichen, welche insgesamt zu einem vernünftigen Umgang mit Handys und zur Vermeidung von Spitzenexpositionen führen sollen:

Telefonate per Handy sollten kurz gehalten werden. So kann die Einwirkdauer der elektromagnetischen Felder reduziert werden.

 

Möglichst nicht bei schlechtem Empfang, z.B. aus Autos ohne Außenantenne, telefonieren. Die Leistung mit der das Handy sendet, richtet sich nach der Güte der Verbindung zur nächsten Basisstation. Die Autokarosserie z.B. verschlechtert die Verbindung und das Handy sendet deshalb mit einer höheren Leistung.

 

Warten Sie beim Verbindungsaufbau (wo das Handy mit größter Leistung sendet) etwas, bis Sie das Handy zum Kopf führen.

 

Verwenden Sie Handys, bei denen Ihr Kopf möglichst geringen Feldern ausgesetzt ist. Die entsprechende Angabe dafür ist der SAR-Wert (Spezifische Absorptions-Rate). Diese Angaben sind von den Herstellern bzw. im Internet verfügbar.

 

Nutzen Sie Head-Sets. Die Intensität der Felder nimmt mit der Entfernung von der Antenne schnell ab. Durch die Verwendung von Head-Sets wird der Abstand zwischen Kopf und Antenne stark vergrößert, der Kopf ist dadurch beim Telefonieren geringeren Feldern ausgesetzt.

 

Nutzen Sie die SMS-Möglichkeiten, da Sie dann das Handy nicht zum Kopf führen müssen.

 

Während der Nachtruhe sollten eingeschaltete Handys nicht unbedingt auf oder unter dem Kopfpolster gelagert werden.

 

Ganz besonders gelten diese Empfehlungen für Kinder, da diese sich noch in der Entwicklung befinden und sie durch die anatomischen Verhältnisse am Kopf auch etwas stärkeren Feldern bei der Handynutzung ausgesetzt sind.

Mit den oben aufgeführten Empfehlungen lässt sich die persönliche Strahlenbelastung einfach und effizient minimieren, ohne auf die Vorteile eines Handys, die oft lebensrettend sind, verzichten zu müssen. Eltern sollten ihre Kinder diesbezüglich instruieren und entscheiden, ab wann ein Handy für ihr Kind sinnvoll ist.

Die Netzbetreiber sollten jedenfalls aggressives Marketing von Handys im Hinblick auf die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen unterlassen.

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